Freude als Widerstand

Was schreibt man denn in Zeiten wie diesen, wo die Welt bangt und noch mehr Leid verursacht wird durch die Spielereien der Reichen und Mächtigen? Was macht man? 

Es fühlt sich falsch an so weiterzumachen, als nichts wäre. Es fühlt sich unehrlich an, kein Wort zum Krieg zu sagen, der in der Ukraine entbrannt ist. Doch was gibt es denn zu sagen? Dass ich erschüttert bin? Dass ich tief traurig bin? Dass ich die letzten Tage vor meinem geistigen Auge wieder meine Freunde von damals sehe:, Vova und Lena, Polina, Vladimir und Ljuba… 

Ich denke mit Sehnsucht an die kleine Küche in Lugansk wo Ljuba uns Pelmeni zauberte und mit Smetana servierte. Ich denke an die Felder von Sonnenblumen, so weit das Auge reicht. Ich frage mich, ob der Markt in Odessa noch steht, wo ich mein wunderschön bemaltes Osterei aus Holz kaufte. Ob das Restaurant am Hafen noch dort ist, wo ich zum ersten Mal echtes Borschtsch kostete, und ob meine Freundin Lena ihre Träume von der Uni wahr werden lassen konnte oder ob ihr der Krieg einen Strich durch die Rechnung machte. Denn dieser Krieg läuft ja schon seit mindestens acht Jahren. Einige unserer Freunde konnten fliehen – sie leben nun in Polen. Doch wieviele Menschen haben die Mittel dazu nicht? Wieviele glaubten bis zum Schluss dass Russland ihre Drohungen nicht durchziehen würde? Es sind zu viele.

Und ich? Ich sitze in Österreich. Ich habe ein Haus, mehr als genug zu essen, meine Kinder gingen heute verkleidet zur Faschingsfeier in den Kindergarten. Ich habe das Vorrecht, ein Herzensbusiness aufzubauen ohne Angst und Not, dass unser Leben bedroht wird. Was habe ich denn beizusteuern? Ich spende, ich rede, ich teile Infos. Und doch fühle ich mich hilflos. Machtlos.

Ich schaue grundsätzlich keine Nachrichten mehr. Eh schon lange, denn ich halte es einfach nicht aus, tagtäglich dem Leid der Welt ins Gesicht zu blicken. Ich musste diese Grenze ziehen, um mein eigenes Leben bewältigen zu können. Und doch erfährt man was in der Welt passiert. 

So sitze ich abends neben meinem Mann, der oft Zeitung liest oder Nachrichten schaut, oder mit mir über die Geschehnisse reden will. Und ich fühle mich wütend, traurig, klein. Ich sitze auf der Couch und nähe. Ich stopfe Löcher in T-shirts, Pullis, Jeans. Ich setze einen Stich nach dem anderen und wenn wieder ein Kleidungsstück geflickt ist, fühle ich mich ein wenig besser. Die Lieblingsjeans meiner Tochter ist nicht nur geflickt sondern hat jetzt ein super süßes Erdbeerchen mit Blume am Knie – sie ist schöner als vorher. Und ich habe das Gefühl, ich kann doch was ändern. Vielleicht nur eine Jean. Aber wenigstens etwas. 

Und diese kleinen Freuden sind es, die mir helfen solche Zeiten zu überstehen. Die Poetin Toi Derricotte meinte,

“Joy is an act of resistance.

Freude ist eine Handlung des Widerstands.”

– Toi Derricotte, The Telly Cycle, 2009

Je älter ich werde, umso besser verstehe ich, was sie damit meint. Wir haben oft das Gefühl, machtlos zu sein, wenn wir wieder von Krieg, Leid, Schmerz hören. Wir spenden, wir informieren uns, wir gehen auf Proteste. Und morgen? Und übermorgen? Und nächstes Monat, nächstes Jahr? Es gibt immer irgendwo Krieg. Es gibt immer viel Leid und Schmerz und Ungerechtigkeit. Wenn wir uns nur darauf fokussieren, brennen wir aus. 

Es ist nicht selbstsüchtig, Freude zu spüren, ja sogar zu suchen, gerade in diesen schweren Zeiten! Es ist lebensnotwendig für dich und dein Umfeld. Ich wage es sogar weiter, denn ich sehe uns Menschen als alle verbunden. Unsere Freude zieht Kreise und stellt ein Licht in die Finsternis. Wir entscheiden uns gegen Furcht und Hilflosigkeit, und für das Leben und die Freude. Nicht weil wir mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen sondern gerade weil wir wissen, wieviel Schrecken und Schmerz da draußen sind. Wir stellen uns mit unserem Licht dagegen und tun was wir können, um für Gerechtigkeit einzustehen. Die kleinen Freuden des Lebens erhalten dieses Licht und lassen es nicht erlöschen.

Also such dir deine Freuden und genieße sie bewußt. Gerade in dieser Zeit. Und dann lass sie dich antreiben um zu helfen: spende, teile Infos, protestiere, öffne dein Haus und dein Herz. Doch lass dir die Freude nicht nehmen. 

Ich werde weiterhin mit meinen Kindern Kekse backen, Fasching feiern, und unsere Kleidung flicken. Denn ich kann die Welt verbessern, mit Freude in jedem Stich und Liebe in jeder Umarmung. Ich habe Einfluss auf einen kleinen Teil dieser Welt, und ich weigere mich, die Dunkelheit siegen zu lassen! 

Was machst du, um den Weltschmerz zu bewältigen? 

Ein Kommentar zu “Freude als Widerstand

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