Seit ich mit 20 Jahren geheiratet habe, nehme ich fast stetig zu. Heute weiß ich viele der Gründe, warum mein Körper sich so verhält, aber als ich anfing zu merken, dass sich Dinge ändern, geriet ich innerlich in eine Art Panik. Ich hatte nie darüber nachgedacht, wie ich aussehe, denn bis dahin entsprach ich dem gängigen Schönheitsideal: blond, schlank, kurvig an den richtigen Stellen. Mein Privileg als weiße Frau mit dünnem Körper und hübschem Gesicht war mir gar nicht bewußt, obwohl ich täglich Nutzen davon hatte.
Ich begann, mehr Rundungen am Körper zu entdecken, und es störte mich anfangs nicht wirklich. Ich war zum ersten Mal auf hormoneller Verhütung, war frisch verheiratet, hatte vor etwas mehr als einem Jahr mit meinem Balletttraining aufgehört, und hatte erwartet, dass ich mehr weibliche Kurven entwickeln würde.
Doch es hörte nicht auf, und ich bildete mir ein, dass ich anders behandelt würde. Menschen schienen nicht mehr so freundlich zu sein, mein Lächeln wurde mir nicht mehr überall gespiegelt, sogar meine engeren Beziehungen schienen sich zu verändern. Ich wurde sehr oft gefragt, ob ich denn schwanger sei, oder wann das Baby denn komme. Ich begann, meinen Körper kritisch zu beobachten, und ich fühlte mich plötzlich elend. Langsam verlor ich etwas, wovon ich nie wusste, dass ich es hatte, und es fühlte sich richtig mies an: Thin Priviledge.
Diese Welt ist nicht für dickere Körper gemacht. Normschöne Menschen haben es einfacher – Studien belegen, dass Dünne vorgezogen werden für Arbeitschancen, Beziehungen, Freundschaften… Das Privileg, Kleidung einkaufen zu gehen ohne der Frage, werden sie wohl meine Größe haben, haben viele Menschen nicht. Man wird anders behandelt, anders angeschaut, verurteilt.
Ich fühlte mich plötzlich wie eine Fremde in meinem eigenen Körper. Ich stieß mich dauernd an, weil ich die neue Fülle noch nicht gewohnt war und die Welt um mich herum nicht ausgelegt ist für Menschen mit größeren Körpern. Ich fühlte mich machtlos, als ich den Zeiger der Waage immer höher kriechen sah. Ich fühlte mich häßlich, als meine Kleidergröße stetig mitwuchs.
Das erste Mal, dass ich mit Freundinnen einkaufen war und der Großteil der hübschen Kleidung, die ich anprobieren wollte einfach nicht auf meinen Körper passte, wollte ich heulen. Ich liebe es immer schon, mich hübsch herzurichten aber es schien als ob die Modewelt mir die Hand vorhielt und sagte: “Stopp, hier ist eine Grenze! Wenn du in unsere Kleidung nicht hineinpasst, darfst du keinen Spass mehr an der Mode haben. Hier ist ein dunkler Sack mit Löchern für deinen Kopf, Arme, und Beine. Wenn du mutig bist, darfst du dazu einen Gürtel tragen.”
Wer hat entschieden, dass es ab Größe 42 nur noch wenig Auswahl gibt und dessen Fokus es ist, alles zu kaschieren?!
Lieb gemeinte oder gedankenlose Kommentare zerstörten mich innerlich.
“Ich habe durch Sport abgenommen. Schau, du kannst mal mit mir ins Fitnessstudio kommen.”
“Ich gehe jeden Tag laufen, siehst du wieviele Kilos herunten sind?”
“Iß doch vielleicht etwas weniger.”
“Brauchst du das wirklich?” Während sie mein Essen am Teller beäugt.
“Hübscher wärst du schon mit weniger drauf.”
So wie die meisten in unserer Gesellschaft war dick für mich ein Unwort. Eins der schlimmsten Dinge die man sein konnte, denn es bedeutete Faulheit, ohne Selbstkontrolle sein, Zügellosigkeit, Dummheit, Ungesundheit, Häßlichkeit.
Ich litt so unter meinem Gewicht (auch wenn ich im Nachhinein gesehen nicht wirklich übergewichtig war!), dass ich versuchte mich so gut ich konnte zu verhüllen. Ich trug eine Zeit lang solche langen Strickmäntel weil ich dachte, da sieht mich wenigstens keiner. Geld hatten wir als arme Studenten auch nicht und ich trug halt was ich von meiner Mutter bekam als sie aussortierte, oder was ich im Second Hand Laden ergatterte. Doch sogar das lief irgendwann aus und es wurde immer seltener, dass ich passende Kleidung fand die auf Anhieb saß. Ich brachte mir das Nähen bei.
Ich kämpfte mit Selbstablehnung, mit Gedanken an den Tod. Ich konnte nicht glauben, dass jemand mich attraktiv und liebenswert finden konnte, trotz einer liebevollen Beziehung zu meinem Mann. Diese Depression stammte nicht nur von meiner Gewichtszunahme, ich hatte so einiges an Trauma in der Kindheit erlebt und dies äußerte sich nun an allen Ecken und Enden.
Ich bekam auch zwischendurch die Diagnose von PCOS, und fing langsam an zu verstehen, dass es nicht nur mein persönliches Versagen war, dass mein Körper Fett einlagerte und nicht mehr loslassen wollte. Ich wußte aber, dass wenn es um das Gewicht ging, dass ich auf keinen Fall anfangen wollte, auf Diäten zu gehen. Ich esse einfach zu gern. 😅 Nein, im Ernst: Ich bringe mir generell vieles selbst bei und lese mich sehr tief ein in Themen die mich interessieren, und das Thema Gewichtsabnahme war natürlich sehr wichtig für mich. Ich las vom JoJo Effekt, von der Zerstörung des Stoffwechsels, zu den ganzen unterschiedlichen Essstörungen die sich dadurch entwickeln konnten und entschied, mich von der Diätkultur fern zu halten.
In meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf Frauen, die sogar größer als ich waren und sich ohne Scham im Internet zeigten. So fand ich Body Positive Aktivistinnen und wurde in die Welt des Internetfeminismusses eingesaugt. Wie es weiter ging, erfährt ihr nächste Woche!
Ich habe auch ein Video, in dem ich über diese Erlebnisse spreche.

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